Kleinmachnow-Golmheide: Der trickreiche Überfall auf Johann Tetzel

Eine der meisterzählten Geschichten des ausgehenden Mittelalters ist ein trickreicher Überfall, der auch noch den Richtigen trifft.

Es ist gewissermaßen der Coup des Jahrhunderts, der Oceans One aus der Renaissance. Ein Adeliger aus Kleinmachnow überfiel einen Geistlichen, der eine dicke Kasse bei sich führte – mit den Geldern vom Seelenheilverkauf. Die Rede ist selbstverständlich vom Überfall auf den Dominikanerpater Johann Tetzel. Eine Geschichte, die zu Recht die Jahrhunderte überdauerte.

Die Kirche im Wandel der Zeit

Schon lange bevor Luther seine Thesen an die Kirchentür gehämmert hatte, gab es Unruhe im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation. Aber mit Luther brach sich eine Bewegung bahn, die alles veränderte. Die protestantische Ethik, so der Soziologe Max Weber, ist womöglich auch die Grundlage für die Industrialisierung und den Kapitalismus. Wenngleich die Anleihen für diese Entwicklung schon vorhanden waren, denn einer der hauptsächlichen Kritikpunkte an der Kirche war der sogenannte Ablasshandel. Damit konnte man sich barer Münze von dem Höllenfeuer freikaufen. Der Verkauf des Seelenheils und die Korruption im Paradies verdeutlichten den Abgrund, vor dem die Kirche stand.

Das zurückliegende Mittelalter war eine Zeit, in der das wichtigste Ziel im Leben, das Leben nach dem Tod war. Die für die meisten Menschen beschwerliche Existenz ähnelte einer Prüfung, die es zu bestehen galt. Selbst in der Renaissance war das ein lebensbegleitendes Thema. Wer diese Prüfung nämlich nicht bestand, dem oder der drohte das Höllenfeuer. Die Angst davor war so real wie unsere Angst vor einem Bankrott, nur währen die Höllenqualen ewiglich. Vor diesem Hintergrund gaben die Menschen alles für ein gottgerechtes Leben. Was das bedeutete, wie man es erreichte und wer es erreichte – all das entschied die Kirche. Damit spielte sie im alltäglichen Leben eine kaum zu unterschätzende Rolle.

Im Mittelalter war das Geld noch keine Normalität, in der nun beginnenden Renaissance spielte es eine ganz erhebliche Rolle. Mit Geld konnte man nun sogar Armeen kaufen, im Mittelalter brauchte es dafür Land zum Bestellen. Auf diesen Wandel hatte sich die Kirche erstaunlich schnell eingestellt.

Die katholische Kirche hatte Bedarf an neuen Gotteshäusern, allen voran verschlang der Petersdom in Rom Unsummen. Aber es mussten auch Kirchenmänner, Armeen und Bestechungsgelder bezahlt werden. Unter den Nutznießern dieses Konzepts war auch Albert I, der Bruder des brandenburgischen Kurfürsten in Berlin.

Albert I von Brandenburg hatte es mit Geld weitgebracht. Er kaufte sich die Titel des Kardinals von Brandenburg, den Titel des Erzbischofs von Magdeburg und von Mainz. Allein für die Vereinigung so vieler mächtiger Ämter in einer Person, musste er dem Papst eine enorme Summe Schmiergeld bezahlen. Das Geld hatte er sich bei den Fuggern geliehen. Mithilfe der geballten Machtfülle, ohne die kein König oder Kaiser auskam, beglich er seine Schulden wieder. Als hoher Kirchenmann konnte er schließlich beim Ablasshandel verdienen. Zur Kontrolle der Schuldentilgung begleiteten Bänker des Fuggers den Ablasshandel und schöpften die Kreditzinsen gleich ab.

Johann Tetzel vs Martin Luther und der Ablasshandel

Einer der tüchtigsten Geschäftsmänner des Ablasshandels und die Person des Vertrauens für die Kirche war die schillernde Figur des Johann Tetzel. Er zog durch die deutschen Lande und verkaufte das Seelenheil an alle Menschen. Die Gewinnmarge lag bei annähernd 100 Prozent – von seinen Diensten abgesehen.

Die Idee des kommerziellen Ablasses erfand er dennoch nicht, wenngleich er die möglichen Erlasse auf ganz neue Sündengebiete ausweitete. Im engeren Sinne konnte man sich nicht von allen Sünden befreien, bei Tetzel schon eher. Ursprünglich war der Ablass durch ein Opfer der Frömmigkeit zu haben, nicht durch Geld. Die Reduktion der Sündenliste war die Gegenleistung für eine religiöse Tat. Denn im Hochmittelalter, im 12. Jahrhundert, war es dem Adel vorbehalten sich freizukaufen. Mit dem Zeitenwandel der Moderne im 16. Jahrhundert demokratisierte man dieses Recht und konnte damit eine neue Geldquelle öffnen. Nun konnten sich alle aus der Hölle freikaufen. Das galt für begangene Sünden in der Vergangenheit, der Gegenwart oder auch der Zukunft – für sich selbst oder für andere.

‚Wenn die Münze im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer in den Himmel springt‘, war das verlockende Angebot. Um die Höllenqualen zu verbildlichen, war eine Teufel auf dem Kasten aufgemalt, der die Seelen quält. Und die Menschen rissen ihm die Ablassbriefe aus der Hand; der Kasten hörte gar nicht mehr auf zu klingeln. Diese Kasse ging als Tetzelkasten in die Geschichte ein. Einige dieser Kisten existieren bis in die Gegenwart.

Tetzel-Kassette Dom-Magdeburg

Luther kritisierte nicht nur, dass es die eigentliche Idee des Christentums ad absurdum führte, er prangerte das Vorgehen scharf an. Mehr noch, er erfand Geschichten über diesen Tetzel um ihn zu diffamieren. Für die Kritik an der Kirche bekam Luther Schelte und musste auf die Wartburg fliehen, wo er die Bibel ins Deutsche übersetzte. Als die geknechteten Bauern aber lesen konnten, dass in der Heiligen Schrift so gar nichts von einem Ablass und den anderen Dingen stand, worauf die Kirche ihre Vorherrschaft fußte, kam es zum sogenannten Bauernkrieg.

Johann Tetzel war eine zentrale Figur von Luthers Kritik, denn Tetzel war ein skrupelloser Geschäftsmann. Er vergab die ihm anvertrauten sündige Schandtaten gegen klingende Münze. Als könnte man sich heute mit etwa 20 Euro von Diebstahl oder einer Beleidigung oder einem Fastenbrechen freikaufen. Für etwa 500 Euro konnte man sich schon von Ehebruch, von Kätzerei (dafür kam man auch mal auf den Scheiterhaufen) und sogar Mord freimachen.

Tetzel fuhr im Auftrag der Kirche durch die Lande und sammelte das Geld ein. Offenbar hat er sich selbst auch mal die ein oder andere Sünde vergeben, sicherlich zu einem Sonderpreis. Im Jahr 1517 war er zunächst in Köpenick und dann in der Doppelstadt Berlin-Cölln zu Gast. In Köpenick soll ein Mann namens Teilemann auf ihn zugekommen sein. Auch er wollte einen Ablassbrief erwerben, da er beim Schlachten des Schweins ‚versehentlich‘ seinen Sohn getroffen hatte. Es war ihm vergeben, oder wie es auf lateinisch lautete: „Indulgentiam ac remissionem peccatorum tuorum tibi concedo!“ (Ich gewähre Dir die Absolution und die Vergebung Deiner Sünden!)

Überfall auf Johann Tetzel

Die Händler im 16. Jahrhundert beklagten sich immer noch über Raubritter, wie der Ritter mit der eisernen Hand – Götz von Berlichen. Allerdings war das Problem nicht mehr so virulent, wie in den Jahrhunderten davor. Der Sage nach fand der dreistesten Überfall in dieser Zeit statt. Ob sich das tatsächlich alles so zugetragen hat, wird allgemein bezweifelt. Das Ziel jedoch war durchaus lukrativ, denn die Tetzelkasten waren groß.

Hans von Hake war ein normaler Adeliger dieser Zeit. Die Hakes waren ein verzweigtes und altes Adelshaus in Brandenburg. Zu den Besitzungen der Familie gehörte auch Kleinmachnow, seinen Sitz hatte dieser spezielle Hake in Stülpe.

Viel erfahren wir nicht aus den Urkunden der damaligen Zeit über diesen Mann. Aber es kursiert die Legende, wonach Hans von Hake dem Tetzel (je nach Sage in verschiedenen Gebieten Brandenburgs und darüber hinaus) über den Weg lief. Eine Überlieferung besagt, Hake trat also mit der Absicht auf den Pater Tetzel zu, einen Ablassbrief zu erwerben. Das Verbrechen, so der clevere Hake, plane er noch, aber will für seine Sünde vorsorgen. Johann Tetzel, der offenbar schon schlimmere Sünden für Geld vergab, willigte ein und stellte ihm mit dem Klingeln im Kasten einen Ablassbrief aus. Der Tag verging und Tetzel ließ es oft klingeln. Mit angefüllter Kasse machte er sich auf den Weg nach Trebbin.

In der Heide am Golmberg hörte Tetzel dann womöglich die Worte: „Das ist ein Überfall!“ von einem vermummten Räuber. Der Überfallene tobte vor Wut und fragte den unbekannten Räuber, ob er denn wüsste, wen er überfallen würde. Er, Johann Tetzel, sei im Auftrag der Heiligen Mutterkirche, dem Vatikan selbst und dem Erzbischof von Magdeburg unterwegs. Das würde ein böses Ende mit dem verkleideten Raubritter nehmen, verkündete Tetzel. Doch der Räuber ließ nicht ab und entledigte dem wütenden Pater seiner gefüllten Kiste. Tetzel forderte, der Unhold möge sich zu erkennen geben.

Und tatsächlich hob er seine Maske und es war natürlich Hans von Hake, der als Entschuldigung für seine unglaubliche Tat einen Ablassbrief unter die Nase hielt. Das ist so, hätte man drei Wünsche offen und der erste wäre, unendlich viele Wünsche zu haben. Und so musste er den Übeltäter ungeschoren ziehen lassen.

Diese Truhe, ob mit oder ohne Geld, enthüllte keine mir bekannte Geschichte, der Nikolaikirche in Jüterbog. Diese Truhe steht dort tatsächlich noch herum und ist wohl der einzige Fakt an der Geschichte. Die Verbindung mit dieser Kiste baute der damalige Schriftsteller Willibald Alexis auf.

Wo der Überfall stattfand, ist je nach Legende unterschiedlich. Mal bei Königslutter bei Braunschweig, mal in der Golmheide zwischen Jüterbog und Trebbin. Wenn es der Hake von Stülpe (und Kleinmachnow) war, dann liegt die letzte Version nahe. Theodor Fontane beschreibt sie im ersten Band seiner Wanderungen in dieser Version. Allerdings ließ er nach Fontane die Geldtruhe im Schnee zurück.

Zwei Jahre nach dem Einsatz für den Kardinal von Brandenburg ereilte Tetzel die Pest in Leipzig. Sie wurde damals als Gottes Strafe angesehen. Trotz der teils heftigen Auseinandersetzungen, der Diffamierungen und dem Streit, zeigte sich Luther gegenüber Tetzel zuletzt sehr christlich. Er richtete tröstende Worte von Vergebung in einem Brief an ihn.

meister

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