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Bierpinsel Steglitz

Der Bierpinsel als Wahrzeichen von Steglitz steht seit den 70er Jahren. Woher der Name kommt, was das Gebäude so besonders macht und was die Zukunft so bringen könnte?

Wenn man das erste Mal an dem Bierpinsel vorbeikommt, hat man schon so eine Ahnung, aus welcher Zeit das Gebäude stammt. So stellte man sich früher die Zukunft vor, womöglich würde man auf dem Mond so bauen. Die besondere Form bleibt einzigartig, doch man fühlt sich auch ein bisschen an das ICC erinnert. Der Grund dafür ist, dass es dieselben Architekten bauten.

Bierpinsel der Pop-Architektur West-Berlins

Als Gastronomie-Einheit geplant, eröffnete der Bierpinsel am 13. Oktober 1976 nach etwa vier Jahren Bauzeit mit dem Turmrestaurant Steglitz. Sein außergewöhnliches Aussehen hat der Bierpinsel von den Architekten Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte. Der Baustil nennt sich Pop-Architektur, die der Pop-Art zugerechnet wird. Der 60er Jahre Kunstausdruck findet sich vor allem in West-Berlin, wo man in den 70er Jahren so baute.

Der Bierpinsel reckt sich 47 Meter in die Höhe und ist baulich nicht von der Joachim-Tiburtius-Brücke zu trennen, welche die Schloßstraße überbrückt. An der Seite des Bierpinsels kann man die Treppen zur Brücke hochsteigen. Die Betonkolosse, so erweckt es den Eindruck, entsprangen der Idee der autogerechten Stadt. Die Integration in die Brücke sollte den Blick von der Brücke nehmen und auf den Turm lenken. Das ist durchaus geglückt, zumal die ursprüngliche Farbe Rot war.

Im Leben nicht wäre ich darauf gekommen, dass das Vorbild des Gebäudes ein Baum sein sollte. Seinen Namen habe ich mit dem Gebäude erst spät in Verbindung gebracht. Dabei stellt man sich unweigerlich die Frage:

Woher kommt der Name Bierpinsel?

Es liegt tief in der Berliner Seele vergraben, dass man ein Faible für volkstümliche Namensgebung hat. Diese Spitznamen-Kreation für Berliner Vorkommnisse hat selbst einen Namen: Berolinismus.

Der Bierpinsel ist so ein Berolinismus. Schon während des Baus erschien die Form den Menschen mehr als Pinsel, denn als Baum. Ein Rasierpinsel ist ja durchaus vorstellbar. Über den Pinsel wunderte ich mich auch weniger als über das Bier in dem Wort.

Dass es der Bier- und nicht ein anderer Pinsel wurde, ist teils der Einrichtung als Gastronomieort geschuldet. Womöglich war aber die Tatsache, dass es zur Eröffnung Freibier gab, der größere Anreiz für die Namensbildung.

Die Form als Pinsel und das Freibier zur Eröffnung, ja doch, das kann ich mir gut vorstellen in Berlin.

Bierpinsel seitlich Schlossstraße Berlin Steglitz

Gastro im Bierpinsel in Steglitz bis zum Wienerwald

Trotz der futuristischen Bauart fanden sich nur zögerlich Pächter. Von 1976 bis 1980 bewirtete der Bierpinsel die Menschen im Erdgeschoss mit Bier und Wein, darüber waren ein Steakhaus und eine Salatbar integriert und über allem thronte ein Café. Auch Verwaltungs- und Aufnahmeräume für den Sender RIAS befanden sich im Bierpinsel. Es lief ganz gut. Doch dann kam die damals bekannte Kette Wienerwald in den Besitz des Bierpinsels.

Sie wollten den beliebten Bierpinsel in ihr Konzept mit dem eigenen Hotel integrieren. Das damalige Tourotel lag einige Blocks weiter am Hermann-Ehlers-Platz und ist heute das Best Western.

Der Wienerwald erholte sich nie von der Affäre 1986. Schon in Schlagseite befindlich, kaufte sich Renate Thyssen im Wienerwald als Mittelsfrau für Insider ein. Kredite dafür stellte die Bayrische Landesbank, die bei Thyssen einer ihrer Leute untergebracht hatten – deren Finanzberater. Neben einigen unappetitlichen Verstrickungen gab es eine Affäre zwischen Renate Thyssen und einem Landesbankpräsidenten. Zuletzt verstritten sich alle und es endete vor Gericht.

Bierpinsel steht leer

Der Bierpinsel sah in den 80er Jahren einige Geschäfte kommen und gehen, doch es hielt sich niemand lange. Das dunkle Areal und die kalten Betonwände brauchen viel Arbeit für ein bisschen Ambiente; zumal Renovierungsarbeiten nötig wurden.

Im Jahr 2002 wurde der Bierpinsel geschlossen. Zu viel musste gemacht werden. Anschließend waren für drei Jahre eine Disko und Sportsbar drin. 2007 wurden Pläne für eine Regastronomisierung vorgestellt. Bis zur Eröffnung des Kunst-Cafés 2010 wurden auch Filme hier gedreht. Die Fassade bekam einen Streetart-Anstrich, der – man mag es mir verzeihen – wenig geglückt ist, und die Gastronomie sollte wieder einziehen.

Aber in diesem Jahr war der Winter besonders hart und ein Wasserrohr fror zu, sodass es platzte. Die Versicherung und der Pächter stritten sich, womit sich die Nutzung des Bierpinsels bald wieder erledigte.

2017 wollte man das Gebäude versteigern lassen, doch niemand bezahlte die geforderten 3,2 Millionen Euro. Dann wurden Büros angedacht und weniger Gastronomie. Doch vorher muss kräftig saniert werden. Die Teileröffnung soll 2025 erfolgen. Die Nutzung ist durch Brandschutzmaßnahmen derzeit eingeschränkt.

Ob der ursprüngliche Anstrich je wieder kommt, ist unklar.

Bierpinsel von unten Schlossstraße Berlin Steglitz

Wo befindet sich der Bierpinsel?

  • Schloßstraße 17
  • 12163 Berlin
  • GPS: 52.46153517057168, 13.324721114302884
meister

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